Familie, Nintendo, Puma und viele Zahlen

Freitag, 25. September, 15:07 Uhr. Zieleinlauf. Was lag hinter mir? Allen Freunden der Zahlen, zu welchen ich auch mich zähle, nachstehend ein paar Eckdaten.

  • Strecke der Tour: 503.40 km
  • Strecke gesamt: 568.75 km
  • Aufstieg: 8`538 m
  • Schritte gesamt: 666`859
  • Laufzeit: 16 Tage | 99.43 h
  • Lauftempo im Schnitt: 5.06 km/h
  • km durchschnittlich pro Tag: 35.42 km

Wer sich jetzt fragt, warum die gesamte Strecke um 65.35 km länger ist, dem sei gesagt, dass die Gesamtstrecke auch Wege zum Abendessen, Sightseeing bzw. Dorfrunden, etc., berücksichtigt.

Die Reise lief zu 95% wie geplant. Strecke, Hotels, alles gut. Mit Ausnahmen! Das Hotel in Weissenburg, werde ich nie vergessen. Eins vorweg, alles sauber, alles gut. Jedoch zeigte das Zimmer auf, dass der Elektroinstallateur Steckdosen übrig hatte. Ich sah noch nie so viele Steckdosen in einem Raum. Addierte man die Flächen der Dosen, so wäre diese grösser als der ganze, begehbare Raum. Behütet vom Elektro-Smog schlief ich aber dennoch ein.

Des Weiteren bemerkte ich bereits an Tag 3, dass eine Knochenhautentzündung am linken Schienbein, mich ins Ziel begleiten wollte. Nicht gut und jeder zweiter Schritt: Aua! Jetzt bloss nicht in die Schonhaltung verfallen, oh du mein linkes Bein! Ab in die Apotheke und eine Salbe gekauft. Den Klassiker. Voltaren. Irgendwie half es. Zumindest auf Waldwegen. Auf Asphalt hingegen, bohrte sich der Schmerz Richtung Knie. Die Reise stand auf der Kippe. Entscheidung. Die 49 km von Augsburg nach Donauwörth verkürzte ich mittels Bahn auf rund 18 km. Passt und half!

Nintendo. Ich hatte Lust auf ein Tagesetappe-geschafft-Bier. Also durch die Gassen gestreift, eine Kneipe suchend und gefunden. Das Wort „Kneipe“ leitet sich übrigens von „knipen“ (niederdeutsches Verb) ab, was so viel bedeutet wie kneifen bzw. quetschen. Interessant. Hinter dem Tresen die Besitzerin und deren Sohn. Die Anzahl der Gäste, exkl. meiner Person, 3. Ich quetschte mich auf einen Barhocker, links, rechts und gegenüber Menschen. Bitte jetzt bloss kein Gespräch beginnen. Bier bestellt. Keine zwei Minuten später, fragte mich die Dame, ob ich hier Urlaub mache. Mist! Auf taubstumm zu spielen, fiel aus. Hatte ich doch vorher ein Bier bestellt und mich für dessen Erhalt bedankt. Notgedrungen erzählte ich von meiner Reise. Alle hörten gespannt zu und stellten Fragen.

Dem Sohn wurde es langweilig. Will nicht sagen, dass er nervte, aber irgendwann traf dessen Mutter die Entscheidung und rief: „Sohn, geh zu Oma“! Der Junge gehorchte, nahm, warum auch immer eine Tüte mit und ging davon. Links von mir sass Stefan oder Stephan (…falls katholisch). Er war überzeugter Anhänger vom Fussball-Club Union Berlin. Stolz berichtete er, dass er eine Karte von nächsten Spiel besässe. FC Bayern München vers. Union Berlin. Im selben Atemzug wettete er mit einem der Anwesenden, dass Berlin mindestens einen Punkt holen würde. Der Einsatz war 50.00 Euro und eine Lokalrunde. Hätte einsteigen und erhöhen sollen, Bayern gewann 7:0.

Der Junge kam wieder. Die Tüte war prall gefüllt. Lange hielt es wohl Oma nicht mit ihm aus. Tüte vollgepackt und nun geh, Enkel! Deren Inhalt war ein Nintendo, 1. Generation und zig Spiele dazu. Die Mutter rief, das ist meiner und schwelgte kurz in Erinnerungen alter Zeiten. Ein „Vergiss es, der gehört jetzt mir“, holte sie zurück. Batterien wurden gesucht. Der Junge total aufgedreht und leicht überspannt. Die Mutter durchwühlte die Schubläden und fand schliesslich eine Box mit 687 Batterien. Diverse Grössen, die Kapazität in Bezug auf Ladung logischerweise unbekannt. Erschwerend kam noch hinzu, dass bei dem Nintendo die Batterieabdeckung fehlte. Dementsprechend mussten die Batterien mit beiden Händen in den Fassungen gehalten werden. Tat man das nicht, flogen die Teile wieder raus. Der Bub war auf 180. Irgendwann lief die Kiste, erstes Spiel rein, nach gefühlten 20 Sekunden war es langweilig. Zack, ein Neues eingesteckt. Der Union-Anhänger wies den Knaben daraufhin, dass man vor dem Wechsel des Spiels besser ausschalten sollte. „Quatsch“! Auch hatte das Display so seine Schwierigkeit, der Ungeduld des Jungen zu folgen. Mal an, mal aus. Stef(ph)an nahm sich dem Problem an und nur wiederwillig übergab der Junge das Gerät. Es kam, wie es kommen musste, das Gerät fiel zu Boden. „Du hast es kaputt gemacht“. Der Bub war auf 270. Irgendwie flickte Mama das Teil mittels Tesa und Isolierband wieder zusammen. Ich musste hier raus! „Zahlen, bitte!“

Auf meinem Weg fielen mir immer wieder zwei Dinge auf. Früher hatte jedes noch so kleine Dorf, sofern es eine Kirche hatte, auch ein Wirtshaus. Des Weiteren besass jeder Bauernhof oder jede landwirtschaftliche Liegenschaft einen Bewacher, in Form eines Hundes. 2026. Fehlanzeige. Das Fehlen der kläffenden Hunde kam mir sehr entgegen, die geschlossenen Wirtshäuser hingegen nicht so sehr. Gut, zwei oder drei Hundebegegnungen hatte ich, an eine erinnere ich mich noch. Die Zaunhöhe maximal 70 cm. Dahinter so ein Hund, welcher wohl rassentechnisch zu den Kampfhunden zählt. Fasst senkrecht, aufgestützt auf den Latten des Zauns, gab mir der Hund zu verstehen, dass ich hier unerwünscht sei. Ich glaube, es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, den Zaun zu überspringen und mich zu zerfleischen. Aufgrund mangelnder „Intelligenz“ war er sich dieser Macht aber nicht bewusst. Sein Besitzer bekam die Situation natürlich mit und rief aus der Ferne: „Puma, aus!“ Hörte ich da richtig? Gab da tatsächlich ein Mensch, einem Tier den Namen von einem anderen Tier?

Folgendes Beispiel. Ein Mensch, wir nennen ihn Frank, hat einen Goldfisch und gibt ihn den Namen Kanarienvogel. Frank bekommt erstmaligen Besuch von einer Dame. Er erzählt von sich und seinem Kanarienvogel. Die Dame stellt daraufhin die Frage, wo denn der Kanarienvogel sei. Frank: „Im Aquarium“. Die Besucherin verlässt die Wohnung. Frank ist wieder alleine und sucht Trost bei Kanarienvogel. Der hat jedoch nur eine kleine Luftblase für die Dummheit seines Besitzers übrig.

Vergessene oder auch verdrängte Dinge wieder zu finden, können mitunter das Schönste auf der Welt sein. Der Stein, mit dem man seine allererste Scheibe eingeschlagen hatte oder Menschen, an denen man nicht mehr glaubte. Freitag, 25. September, 15:07 Uhr. Mein Kopf war leer, alle Gedanken auf Null gestellt. Stimmen im bekannten Dialekt, umflogen mein Gehör. Auf mich zu kam eine Frau und begrüsste mich. Wer ist sie? „Muss ich Sie kennen?“, fragte ich verwirrt. „Ich bin es, deine Schwester Sabine“! Ja, es kam mir beschämend vor, dass ich sie nicht gleich erkannte. Vor mir stand ein Mensch, der wohl immer an mich geglaubt hat. Und ich erkannte in diesem Augenblick, nicht mal wer er war. Wir liefen gemeinsam zu einer Sitzbank am Marktplatz und Sabine zauberte zwei Flaschen Bier aus ihrer Tasche. Wir stiessen an und in diesem Moment, wurde mir klar, dass ich die letzten 16 Tage nur deswegen unterwegs war. Somit ergab meine Reise mit allen Höhen und Tiefen einen Sinn.

Ich möchte mit folgenden Worten schliessen.

Geniesse den Augenblick. Denn der Augenblick ist dein Leben.

Euer Stefan

P.S.: Die erste Scheibe schlug ich nicht mit einem Stein ein, sondern mit einem selbstgebastelten Pfeil und Bogen.

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