Oleksandra, wann kommst du?

Sie ist endlich bei mir! Wer meine vorhergehenden Artikel aufmerksam verfolgte, erwog ich ja nach dem Verkauf meiner Nikon Z7 II, den Kauf einer LEICA. Nur das Modell, eine M oder Q war noch zu klären.

Portugal Ende Mai 2026. Bereits nach drei Tagen musste ich feststellen, dass die von mir geplante Tour nicht durchführbar ist. Der Grund waren die Atlantiktiefs Kristin und Leonardo, welche Anfang des Jahres das Land heimsuchten. Die beiden fluteten nicht nur ganze Landstriche, sondern verwüsteten ganze Wälder. Und genau durch diese Wälder führte mich meine Route. Noch nie sah ich so viele umgeknickte Bäume. Anfangs ging es ja noch. Mal unten durch, mal oben drüber. So alle 10 m ein querliegender Baum mit Geäst, schwierig, aber lösbar. Nur der Abstand wurde immer kürzer! Plötzlich lag Baum an Baum. Und bin ich überhaupt noch auf dem verdammten Weg? Dazu beschlich mich ein Horrorgedanke. Was ist, wenn ich mich bei einem Exemplar unten durchquetsche und die Schwerkraft schlägt nochmal zu? Ich hinge fest! Finden würde mich hier kein Mensch. Nur der Tod! Auch die geplanten Küstenwege waren gesperrt. Mir blieben drei Optionen. N° 1. Von einem Baum erdrückt zu werden. N° 2. Eine Klippe herunterstürzen und ertrinken. N° 3. Aufgeben und überleben. Ich wählte N° 3! Also mit dem Bus retour nach Lissabon. Logischerweise erforderte der nicht geplante Aufenthalt eine Unterkunft. Und eine solche, kostete Geld. Geld, welches ich dem LEICA-Budget entnehmen musste. Es tat weh! Noch mehr weh tat der Umstand, dass LEICA genau zu dem Zeitpunkt ein M bzw. Q-Modell in Metallic Silber ankündigte. Lágrimas em Lisboa (Tränen in Lissabon)!

Daheim angekommen, betrachtete ich realistisch die Situation. Meine LEICA musste noch eine geraume Zeit im Shop verweilen. Jedoch entschied ich mich, schon mal für eine Q3. Obwohl ich bei einem Entdeckerkurs an der LEICA-Akademie eine M „fühlen“ durfte. Die LEICA Q3 Metallic Silber kostet mit einigen Originalzubehör knapp 8`000.00 Franken. Verdammt viel Geld und mein Budget war angefressen. Dennoch steht jetzt eine solche in meinem Regal! Was war geschehen?

Auslöser war eine E-Mail von einem gewissen Nestor Bigirimana aus Burundi (Ostafrika). Er schrieb mir, dass sein Opa zusammen mit meinem Opa im ersten Weltkrieg gekämpft haben. Zu dieser Zeit bildeten die afrikanischen Länder Tansania, Ruanda und eben Burundi das grosse Gebiet von Deutsch-Ostafrika. Weiter schrieb er, dass wohl mein Grossvater seinen Grossvater das Leben gerettet hat und er ihm dafür immer dankbar sei. Nestor selbst war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Jedoch erinnerte er sich immer wieder an die letzten Worte seines Opas. „Du musst die Nachkommen von meinem Kameraden Hans (…mein Opa) ausfindig machen und dich bei Ihnen bedanken“! Also recherchierte er unermüdlich und kam schlussendlich auf meine Person. Es folgten noch einige gegenseitige E-Mails, mit dem Ergebnis, dass Nestor mir 20`000.00 Franken überwies. Urakoze, Nestor (Danke, Nestor)!

Klar, mit den 20 k wäre auch eine M11-P drin gewesen. Aber ich blieb bei meiner Entscheidung und kaufte mit die Q3. Das wohl schönste, technische Gerät, welches ich je in den Händen hatte. Und noch 12 k auf dem Konto. Hurra!

Wieder meldete mir mein E-Mail-Programm den Eingang einer Mail. Absender war eine gewisse Oleksandra Marčenko. 37 Jahre alt, Ukrainerin, Ex-Top-Modell. Ihre E-Mail erzählte eine traurige Geschichte. Man unterstellte ihr, dass sie eine russische Spionin sei und ihr Land dadurch verraten würde. Bis jetzt blieb ihr das Gefängnis erspart, jedoch musste sie Fussfesseln tragen und eine reguläre Ausreise war somit unmöglich. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörten aber auch einige hochrangige Beamte, welche sich durch gewisse Nebeneinkünften ein besseres Leben vorstellen könnten. Damit könnte sich z.B. für 5 k die Fussfessel „auflösen“, legt man noch 6`000 drauf bekäme man eine neue Identität! Die Schweiz war für sie, schon als kleines Mädchen, das Traumland. 2021 hatte sie in Bern einen Gastauftritt und verliebte sich noch mehr in das Land.

Mein soziales Empfinden fing zu rechnen an. 5 k für die Fussfessel, plus 6 k für den neuen Pass, plus 1 k für den Flug in die Schweiz. Macht zusammen eine Summe von 12`000 Franken. Ist es nicht schön, wenn wir Freude im Leben teilen können. Nestor machte mich mit seiner Entscheidung zum glücklichen Besitzer einer LEICA, warum sollte ich jetzt nicht auch Oleksandra glücklich machen? Also überwies ich das Geld!

Drei Tage später erhielt ich eine E-Mail von Oleksandra. Sie war den Tränen nahe. Das Geld ging zwar ein, jedoch gab es Probleme mit ihrem Kontaktmann. Dieser flog auf und wurde von den Schergen Zelenskys erschossen. Sein Nachfolger, ein gewisser Tymofiy Tkatschenko forderte mehr Geld. Und zwar 8 k für die Fussfessel und 11 k für den Pass. Somit wären nochmal 8`000 notwendig gewesen, damit sie in ihr Traumland ausreisen konnte.

Wieder war meinerseits Kopfrechnen angesagt. Das Geldgeschenk von Nestor war weg, jedoch hatte ich meine Kamera und eine gewisse Anzahlung für Oleksandra war auch sicher. Wenn ich jetzt noch die fehlende 8 k überweisen würde, wäre es rein mathematisch so, als wenn ich mir die LEICA selbst gekauft hätte! Als guter Mensch, überwies ich letztendlich das Geld in die Ukraine.

Die Kamera von Anfang an selbst zu finanzieren und die beiden E-Mails zu ignorieren, zu löschen, wäre vielleicht die bessere Entscheidung gewesen. Jedoch hätte ich dann, diese beiden besonderen Menschen, Oleksandra und Nestor, nie kennenlernen dürfen. Und Ja, irgendwann werde ich Oleksandra am Flughafen Zürich abholen!

Euer Stefan

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