Virtuelles Wasser

Heute treff‘ ich einen Herrn
Der hat mich zum Fressen gern
Weiche Teile und auch harte
stehen auf der Speisekarte

So Rammstein in deren Song aus dem Jahr 2004 «Mein Teil»! In diesem durchaus bemerkenswerten Lied geht es um das Wirken von Herrn A. W. aus  -Achtung- Essen. Dieser beschloss 2001 wohl aus Langweile Körperteile von einem Diplom-Ingenieur zu verspeisen. Es lag wohl auch dessen Einwilligung vor, aber das soll hier nicht das Thema sein. Es geht in diesem Artikel um Lebensmittel, insbesondere um Fleisch. Bewusst beginne ich hier nicht mit einer Statistik, weil aus einer solchen meist nicht klar hervorgeht, ob es sich um das Schlacht- oder um das verkaufsfertige Verzehrgewicht handelt.

Ein schöner Spätsommerabend in Feldkirch, AT-Vorarlberg. Eine schöne Kneipe mit einem dazu gehörenden Restaurant. Der Autor biertrinkend und beobachtend. Der Focus fällt auf einen wohlgenährten, ca. 65 Jahre alten Herrn – nachfolgend Herr B. aus Bregenz genannt. Herr B. trinkt Wein. Viel Wein! Das bestellte Gericht wird serviert. Filet vom Milchkalb, sautiert, mit Kartoffelpüree und Pfifferlingen. Nach einem starren und glasigen Blick auf das Essen, beginnt Herr B. mit dem Verzehr. Zumindest startete er einen Versuch! Denn schon bald stellte sich heraus, dass der Wein das Signal «Hirn zu Hand» äusserst negativ beeinflusst hatte. Es waren keine gesteuerten, koordinierten Bewegungen seitens Herrn B. mehr möglich. Der Teller glich einem Schlachtfeld. Klar, das Fleisch war zart genug, aber dennoch hielt es dem Druck der Gabelkante stand. Und so wurde eben ein «grösseres» Stück zum Mund gezittert. Passend zum Schauspiel, konnte man auch noch ein Schmatzen, tierischen Ursprungs vernehmen. Schlimm, ganz schlimm!

Ein Discounter mit roten Buchstaben. 500 Gramm Lyoner am Stück für 2,39 €, also ein Kilo für 4,78 €. Jeder normaldenkende Mensch muss sich hier doch die Frage stellen: Wie ist ein solcher Preis möglich? Wo wird hier gespart? Der Discounter arbeitet immer gewinnmaximierend und die Qualität passt ja anscheinend, schliesslich wird die «Brühwurst» verkauft und «gegessen». Der Herstellungsprozess wird hoffentlich überwacht, also nochmal gefragt: Wo wird gespart?

Virtuelles Wasser. Noch nie gehört? Ich auch nicht! Kurz erklärt: Unter virtuellem Wasser (engl. Water Foodprint) versteht man die Gesamtmenge an Wasser, die für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen benötigt wird. Und folgt man dem Artikel «Water footprints of nations: Water use by people as a function of their consumption pattern» von A. Y. Hoekstra und A. K. Chapagain wird für 1 kg Rindfleisch ca. 15`550 Liter Wasser benötigt! Ein anständiges Steak kommt also auf rund 5`000 Liter Wasser! Jetzt kann man sich streiten, ob Wasser eine unendliche Ressource ist oder nicht! Fakt ist, dass nur 1% der Wasservorräte weltweit als Trinkwasser verfügbar ist. Dazu kommt noch die Problematik der extremen ungleichen Verteilung. Klar, hier in Europa ist noch alles gut. Wasserhahn auf und die Sache läuft. Spätestens aber in ca. 50 Jahren, wenn die Gletscher in den Alpen verschwunden sind, kann es in Italien heissen «non piu acqua!» Übrigens werden für die Herstellung von 0,25 Liter Bier ca. 75 Liter und für die Herstellung von 0,2 Liter Milch ca. 200 Liter virtuelles Wasser benötigt. Prost!

Mitteleuropa. Ca. 11`500 Jahre vor Christus. Neusteinzeit! Das Ende der reinen Jäger und Sammler. Die Geburt der Bauern! Ackerbau und Viehzucht war nun angesagt. Das Schaf war das erste wirtschaftlich genutzte Tier des Menschen. Bald folgten Ziegen und Rinder als Nutztiere. Schweine kamen relativ spät zum «Einsatz». Ich denke mal, dass so eine Sau relativ glücklich ihr Dasein fristete. Klar, das Ende war absehbar, aber diese Tatsache kannte die Sau ja nicht. Dem Bauern war die Sau heilig, warum sollte er das Tier stressen? Starb die Sau zu früh, gab sie zu wenig Nahrung für die Familie ab. Ausserdem erkannte der Steinzeitgourmet bald, dass Fleisch von gestressten Tieren nicht wirklich gut mundete.

Ich habe keine Ahnung, wie lange die Symbiose angedauert hat. Jetzt, im Hier und Heute, müssen wir aber klar feststellen, dass aus dem gegenseitigen Nutzen ein systematisches Ausnutzen und Ausbeuten vom einstigen «Partner» geworden ist. Die Profitgier der Fleischindustrie, geistig im Abseits stehende Landwirte und desinformierte, teilweise verfressende Verbraucher haben dafür gesorgt. Jeden Tag mein Schnitzel, aber maximal 2,00 € das Kilo! Am besten schon paniert, damit man die geklebte «Fleischschlotze» nicht sieht und dann ab damit ins Fett. Neuzeitgourmet, eben!

Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie gründet auf eine innere allgemeine Haltung anderen gegenüber (Quelle: Wikipedia). Streiche «Mensch», setze «Tier!»
Es gilt zu erkennen, dass wir das perfide System der Lebensmittelindustrie geschaffen haben, aber wir können es auch wieder ändern. Und jetzt bloss nicht mit dem Totschlagargument kommen, «ich habe kein Geld für teureres Fleisch und teurere Wurst!» Fresst einfach die Hälfte, dafür aber besser! Oder nur einmal die Woche Fleisch!

Ich will hier nicht einen auf «Bio» machen. Auch ich esse noch zu viel Fleisch und auch meine sonstige Ernährung ist manchmal recht zweifelhaft. Aber ich habe erkannt, dass diesbezüglich durchaus Handlungsbedarf besteht. Es geht in erster Linie nicht darum, sich gesünder zu ernähren. Es geht darum, sich bewusster zu ernähren. Bevor man sich Nahrung in den Rachen schiebt, einfach mal fragen: «Was esse ich da überhaupt?» «Tut es mir gut, oder schadet es mir?» Dann ehrlich antworten und unverzüglich handeln! Wie so oft im Leben!

In diesem Sinne … denn du bist, was du isst!

Euer Stefan

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreiben Sie einen Kommentar