Lügen haben keine Beine

Es war einmal ein alter Holzschnitzer und sein Sohn. Aufgrund der handwerklichen Begabung seines Vaters bestand der Junge, der auf den Namen Pinocchio hörte, komplett aus Kiefernholz. Schon in jungen Jahren musste der Bub feststellen, dass er mit einem Fluch behaftet war. Jedes Mal, wenn Pinocchio log oder sich der Unwahrheit bediente, wurde sein Nase länger.

Dies fiel natürlich auch der Gesellschaft auf und die Person Pinocchio wurde gemieden. Aber das war nur von kurzer Dauer, denn schon bald bemerkten auch die Menschen, dass es sich mit Lügen einfacher leben lässt. Pinocchio und seine Art die Dinge wiederzugeben wurden populär. Viele eiferten ihn nach, erreichten jedoch nie dessen Qualität. Einziger Nachteil an der Sache blieb jedoch der Umstand, dass die Nase ständig länger wurde. Und zwar nicht nur bei den Menschen, welche aus Holz bestanden -Nein- auch bei den Steinmenschen, den Metallmenschen wuchsen die Nasen in Längsrichtung. Eine Lösung musste her, denn schon bald wurde es auf den Strassen verdammt eng. Ständig kreuzten sich irgendwelche Nasen und die Gefahr dadurch ein Auge zu verlieren, war sehr hoch. Natürlich wäre es die einfachste Lösung gewesen, mit dem Lügen aufzuhören. Aber das war nie das Thema, schliesslich wollte man seine Komfortzone nicht verlassen.

Wie so oft, war es der Zufall, der die Erkenntnis brachte, wie das Unvermeidliche abgestellt werden konnte. Folgendes geschah: Bei einem Pianisten musste aufgrund eines Unfalles die rechte Hand amputiert werden. Schon bereits Stunden nach der OP konnte das Ärzteteam feststellen, dass die Nase des Musikers kürzer geworden ist. Am darauffolgenden Tag hatte sie wieder ihre ursprüngliche Länge. Die Nachricht ging um die Welt und schon bald standen tausende Menschen vor den Kliniken. Sie waren alle bereit den Preis, also ihre rechte Hand, zu bezahlen, nur um wieder eine normale Nase zu erhalten. Das Personal der Krankenhäuser wurde aufgestockt und Sondersichten wurden gefahren. Amputationen vergleichbar mit Fliessbandarbeit.

Aber schon bald kam die Ernüchterung. Nur bei rund 10 % aller, nun Handamputierten, verkürzte sich die Nase auf deren Normalmass. Bei allen anderen, zeigten sich nicht die erwünschten Veränderungen. Hätte man vielleicht die linke Hand abtrennen müssen, oder vielleicht sogar beide? Letztendlich war man wieder beim Anfang. Schon bald kam man zu der Erkenntnis, dass die Lösung bei der ersten Amputation, also beim Pianisten liegen musste. Was war dessen Preis, damit er wieder seine ursprüngliche Nase bekam? Klar, die Hand! Aber konnte er dadurch auch nicht mehr sein Hobby, seinen Beruf als Pianist ausüben? Da war die Lösung! Schnell noch die Berichte bzw. Hobbies der Patienten überprüft, welche sich nach dem Eingriff einer „Standardnase“ erfreuen durften. Das Ergebnis eindeutig. Alles Menschen, die ihre rechte Hand für die Ausübung ihres Hobbies, ihres Berufes benötigen. Den endgültigen Beweis erbrachte dann das Abtrennen eines Fusses bei einem Fussballspieler. Er konnte sich einen Tag später wieder über seine natürliche Nasenlänge freuen. Das Problem schien gelöst zu sein. Schien! Denn mit jeder weiteren Lüge kam es wieder zum Wachstum der Nasen. Also wieder ein Stück Fuss abtrennen lassen – ein Teufelskreislauf.

Man hatte die Wahl

  • ehrlich zu leben, mit normaler Nase
  • ein bekennender Lügner par excellence zu sein, mit ständig länger werdender Nase
  • ein verlogener Lügner zu sein, welcher peu à peu Körperteile verlieren wird.

-Ende-

Nur eine Geschichte, nicht mehr und nicht weniger.

In diesem Sinne … Nachdenken in 3, 2, 1

Euer Stefan

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