Achttausendsiebenhundertsechzig

Fast jeder Radiosender hat einen solchen Mitarbeiter. Ausgerüstet mit einem Mikrofon, geht er auf nichts ahnende Passanten los und stellt irgendwelche Fragen. Ein Beispiel. «Josef und Maria kamen ja mit dem Esel nach Bethlehem – aber wie kam Jesus da hin?» Dann werden 4 bis 5 Antworten eingespielt, welche nicht wirklich auf das Vorhandensein von Intelligenz schliessen lassen. Schlussendlich egal, es ist lustig!

Was aber gerade bei der Beispielsfrage interessant ist, ist wohl die Tatsache, dass wir unsere Religion, bezogen auf das Christentum, nicht mehr so ernst nehmen. Die einzige Religion, welche durch deren Anhänger noch sehr ernst genommen wird, ist der Islam. Konsequent leben die Muslime ihren Glauben. So parken sie manchmal Lastwagen auf Weihnachtsmärkten und überraschen damit die anwesenden Ungläubigen beim «Glühwein saufen». Gut mit dem Abbremsen funktioniert es nicht immer, aber seitens des Staates werden dementsprechend immer mehr Beton-Einparkhilfen, natürlich im Weihnachtsstyle, installiert. Auch erstaunt der Muslim manchmal die Menschen mit einem spontanen Feuerwerk. Die Möglichkeit, sich für diesen Feuerzauber zu bedanken, gestaltet sich aber in der Regel recht schwierig, da der Gläubige oft Bestandteil des selbigen ist. Schlussendlich egal, es ist unterhaltsam!

Aber nun zurück zu den «Christen» und zum eigentlichen Thema. Weihnachten! Und gleich mal zum Einstieg, eine elementare Frage: Was ist Weihnachten? Klar, den Hintergrund kennen wir, aber lassen wir bewusst mal den religiösen Aspekt ausser Acht. Ich möchte euch drei Beispiele aufzeigen.

Einer tanzt zu den Klängen von «Last Christmas – selbstverständlich in Dauerschleife» mit einem schrecklich schönen Weihnachtspullover durch die Wohnung, im Hintergrund läuft zusätzlich «Kevin allein zu Hause» im TV und im Herd bräunt das 5,54 Kilo schwere Federvieh! Ein anderer wiederum öffnet die zweite Flasche Wein, brät Fischstäbchen – zur Feier des Tages hochkant. Im Hintergrund zerfetzen Kinder die mühsam verpackten Geschenke und seine Frau ist, warum auch immer, genervt. Und der dritte im Bunde ist traurig, weil er wieder allein das Fest verbringen muss. Er füttert die Enten am zugefrorenen Weiher und blickt mit Tränen in den Augen in die hellbeleuchteten Fenster der Häuser. Seinen «Weihnachtspullover» trägt er das ganze Jahr – er hat nur diesen einen. Und ohne Strom auch kein «Wham» und «Kevin». Und Fischstäbchen kennt er nur aus der Werbung in den Zeitungen, mit welchen er sich zudeckt. Seine Familie ist längst tot, seine wenigen Freunde auch. Ich lasse euch kurz mit euren Gedanken allein!

Drei verschiedene Menschen. Drei verschiedene Situationen. Aber es gibt einen Zusammenhang! Und dieser liegt darin, dass die drei zu einer bestimmten Zeit der Diktatur eines Gefühls folgen. Nämlich zu Weihnachten muss man dies und sollte man das! Komisch, ist der Alleinstehende nicht das ganze Jahr allein? Warum überkommt ihn gerade in der Weihnachtszeit diese Wehmut? Ich glaube, das liegt daran, dass genannte Zeit für Familie, Frieden und Besinnung steht. Es kehrt Ruhe ein, jeder fährt sein System herunter, alles läuft ein wenig ruhiger! Gut, dieser Satz mag in den Ohren der Verkäuferinnen und Verkäufer am 24ten wie Hohn klingen, aber dem ist nun mal so. Die Diktatur des Kommerzes! Würden wir nicht wie ferngesteuert am letzten Tag noch irgendwelche, meist dann unbrauchbare, Geschenke ordern, müsste niemand an diesem Tag arbeiten. So einfach ist das! Unabhängig dessen, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die fleissigen Damen und Herren des Verkaufs. Und wenn ihr dem Kunden wirklich zugehört habt, was er denn eigentlich will, so bleibt euch auch der Stress mit dem Umtauschen erspart – nur so mal am Rande erwähnt.

Ich habe gelernt, dass man bei Reden oder Vorträgen immer einmal ein Zitat einbinden sollte. Dies gilt sinngemäss auch beim Schreiben. Benjamin Franklin, einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten, beschrieb Weihnachten einmal so – ich zitiere:

Ein gutes Gewissen ist ein ständiges Weihnachten

Hört sich vernünftig bis brillant an, aber was nützt diese Phrase dem Mensch, der Fischstäbchen nur aus der gedruckten Werbung kennt? Ich meine verdammt viel und sicherlich werdet ihr mir zustimmen – Nachdenken vorausgesetzt! War er z.B. bei einem seiner Freunde, als dieser «vorausging»? Hielt er dabei dessen Hand, als sich dessen Augen für immer schlossen?

Wir alle sollten weg, von diesem diktierten, fremdgesteuerten Besinnungszeitraum am Ende jeden Jahres. Das Jahr hat nun mal 365 Tage. Achttausendsiebenhundertsechzig Stunden, welche den Anspruch erheben, mit Menschlichkeit, Verstand und Vernunft gefüllt zu werden. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, das ist unsere verdammte Aufgabe! Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Und wer jetzt denkt, das muss gerade der – also ich –  schreiben, hat nicht ganz Unrecht. Vor allem Handeln steht aber stets das Erlangen der Erkenntnis, dass gehandelt werden muss.

So, ihr Gläubigen und Ungläubigen da draussen. Was mir noch bleibt, ist euch ein schönes Fest zu wünschen. Geniesst die Stunden mit denen die es wert sind. Esst, trinkt und lacht! Seid dankbar, für das was ihr habt und schielt nicht schon wieder auf neue Dinge! Und bedenkt stets, dass eure Zeit, das kostbarste Geschenk ist, welches ihr geben könnt!

In diesem Sinne … alles schläft, einsam wacht!

Euer Stefan

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